| Mit Resi und Ohrenschützern zum Weltrekord |
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Alle Partien der Veranstaltung sind online abruf- und nachspielbar auf http://www.blindsimultan.de/schachblog/partien_blindblitz_16_07_2011.htm und Fotos gibt es hier. Immerhin hielt sich diese anfangs noch zurück und verlegte sich auf sporadisch eingestreute, kurze Übungssalven, was die mobile Internetverbindung offenbar ansteckte, denn der sehr schlechte Empfang auf dem Sontheimer Volksfestplatz verzögerte den Anpfiff der ersten Partie um fast eine Stunde. Aber die anwesenden Experten konnten das Problem schließlich lösen, indem sie die UMTS-Empfänger fachmännisch von einem USB-Anschluss zum nächsten und wieder zurück steckten, bis es plötzlich ging; allerdings blieb die Verbindung bis zum Ende der Veranstaltung anfällig und fiel 2-3 Mal vorübergehend sogar ganz aus. Dieser holprige Start sollte sich dann auch auf mein Spiel übertragen. Die emsigen Organisatoren vom SK Sontheim hatten entschieden, mir meine Gegner nach einem pädagogisch wertvollen Konzept zuzuteilen: In der Anfangsphase, so lange ich noch "kalt" war, spielte ich gegen den Vereinsnachwuchs und einige Spieler der 4. und 5. Mannschaft und erst, wenn ich so richtig heißgelaufen sein würde, kamen die Cracks aus der Ersten und Zweiten zum Zuge. Gespielt wurde auf zwei Laptops über den Fritzserver, wobei mein Brett figurenbereinigt angezeigt und die Züge über Kopfhörer von der Chessbase-Software verbal angesagt wurden. Das entspricht dem Zeitgeist und lässt sich auch wunderbar für Übertragungen sowohl ins Internet als auch auf einen vor Ort aufgestellten, großen Plasmabildschirm nutzen, hat aber im Vergleich zur klassischen "Zurufmethode" (an einem normalen Brett, das der Blindspieler nicht sieht und wo er die Züge von einem Übermittler angesagt bekommt) einen großen Nachteil: Das Brett. Die Lösung war schließlich ein kleiner Trick: Wenn man auf das Brett nicht verzichten kann, muss man es eben "passend" machen, so dass es sich mit der eigenen Vorstellung verträgt oder zumindest nicht überschneidet. Also stellte ich während der Partien den Blick auf den Monitor auf "maximal unscharf"; ganz so, als ob man in die Ferne oder auf seine Ehefrau blickt, wenn sie einem zum hundertsten Mal erklärt, welcher Müll in welchen Sack kommt oder warum eine Ausrichtung der Teppichfransen parallel zum Erdmagnetfeld ein wichtiger Bestandteil der Lebensqualität ist. Im Ergebnis jedenfalls nahm ich das Brett nur noch als verschwommenes, kariertes "Ding" war, dessen Konturen gerade noch ausreichten, um die Felder für die Zugeingabe unterscheiden zu können. Ansonsten "blickte" ich in der Hauptsache nach innen, auf "mein eigenes" Brett. Einziges Manko dieser Methode war, dass ich bisweilen nicht erkennen konnte, wieviel Zeit ich noch hatte - zwar war die Uhr auf maximale Größe gestellt, aber die Ziffern waren dennoch nicht immer eindeutig und den Blick wieder schärfen durfte ich nicht, weil daneben ja das böse Brett lauerte... . Trotz allem hatte ich im vor dem Start erhebliche Bedenken ob der Dauer und der Lärmbelastung, aber zu Anfang lief es überraschend gut und nach 10 Partien hatte ich nur eineinhalb Punkte abgegeben. Einen halben davon auf eine für das Blindspiel sehr typische Art und Weise:
Inzwischen waren auch die Cracks der ersten beiden Sontheimer Mannschaften eingetroffen und damit war es mit meiner pädagogischen Schonfrist natürlich schlagartig vorbei; neben einigen Remisen gesellten sich nun auch deutliche Niederlagen hinzu; gerade gegen erfahrene Kampfblitzer wie Sören Pürckhauer hatte ich an diesem Abend nicht den Hauch einer Chance. Nichtsdestotrotz gelang mir in Partie 36 der beruhigende 31. Punkt und das stilecht gegen unseren 1. Vorsitzenden mit einer unkomplizierten kleinen Kombination:
Weiß gewinnt mit 36.Dxf5+ Kg8 (36..Ke8 37.Lxe6 oder 36...Df6 37.Txd7+ ist auch nicht besser) 37.Txd7 Txd7 38.Lxe6+ 1-0 Damit war das Ziel, über 50 Prozent zu holen, auf alle Fälle schon einmal eingefahren und das Restprogramm konnte relativ entspannt angegangen werden. Trotzdem kommt bei 60 Blitzpartien (ob blind oder sehend) irgendwann der Punkt, wo man lieber das Schachbrett beiseitelegen und bei einem Bierchen mehr über Resis Abholservice erfahren würde, als immer wieder dieses dröge Damengambit zu spielen. Beim nicht-Schach-spielenden Festpublikum kam das Event aber jedenfalls gut an; der Übertragungsmonitor, auf dem die Partien (mit Figuren) angezeigt wurden, war stets umringt und auch hinter mir scharten sich regelmäßig Zuschauer, die einmal sehen wollten, wie man nichts sehen kann. Insgesamt war das Niveau der Partien in Ordnung wenn man bedenkt, dass ich blind und meine Gegner praktisch taub (wegen der lauten Musik) gespielt haben. Es gab natürlich einige Einsteller, aber das hielt sich in blitztypischen Grenzen. Meinen persönlichen Lieblingszug des Events möchte ich Euch jedoch zum Abschluss noch präsentieren: 18...h6! , was faktisch bereits die Eroberung von a4 einleitet. Glaubt mir jetzt natürlich keiner, aber eigentlich ist es ganz einfach: Schwarz tauscht beide Türme, überführt dann den Sf5 nach c8 und opponiert schließlich auf b6. Weiß kann nicht tauschen, weil der Bauer a4 nach Sxb6 fallen würde. Anschließend spielt Schwarz Dame a5 nebst Sb6 und weg ist das Ding. 18...h6 bereitet das Springermanöver vor, denn auf sofortiges Sfe7?! würde Sg5 folgen. In der Partie ging es weiter mit: 19.Txb8 Txb8 20.Tb2 Sfe7 21.Sb1 Sc8 22.Sa3 a6 23.Kf1 Txb2 24.Dxb2 Db6! 25.Dc2 Da5 26.Sd2 Sb6! und es war vollbracht. Schwarz gewann später das Springerendspiel. Um exakt 3 Minuten nach 3 Uhr nachts, nach 14 Stunden Spielzeit, endete die letzte Partie standesgemäß mit einem Großmeisterremis zum Endstand von 50,5:9,5 (+45 =11 -4), aber das war, ebenso wie der damit verbundene Weltrekord, eigentlich von Anfang an nur Nebensache. Viel wichtiger war m.E., dass wir Schach auf diese Weise einem sehr breiten Publikum auf hoffentlich positive Weise präsentieren konnten und auch die lokale Presse davor und danach groß darüber berichtete. Eine Zeitung ließ sich gar von der Euphorie mitreißen und beförderte mich kurzerhand in ungeahnte Höhen:
Immerhin muss ich mir jetzt um meinen Spitznamen im SK Sontheim keine Gedanken mehr machen... .
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